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31.05.2019

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"Ich möchte Euch von den Jesiden erzählen"

Anmerkung der Redaktion: Shirin ist 17 Jahre alt und lebt seit drei Jahren in München. Sie ist zunächst mit ihren Geschwistern vor der Terrormiliz IS aus dem Sinjar-Gebirge (Irak) geflüchtet. Später gelang auch ihrer Mutter die Flucht, worüber sie überglücklich ist. Im Augenblick bereitet sie sich auf den qualifizierenden Mittelschulabschluss vor und möchte im Anschluss daran eine weiterführende Schule besuchen und später Medizin studieren. Sie lebt gerne in München. Dennoch bedeutet ihr ihre Herkunft sehr viel. Deshalb ist es ihr ein Anliegen, vielen Menschen etwas über ihre Herkunftskultur zu erzählen.

Als Jeside wird man viel gefragt, wie zum Beispiel: „Wer sind die Jesiden?“, „Wo gibt es Jesiden überhaupt?“ oder „An was glauben sie eigentlich?“ und noch viele weitere Fragen. Daher möchte ich, ein jesidisches Mädchen von 17 Jahren, ein bisschen über uns erzählen. Das Jesidentum ist eine monotheistische Minderheitenreligion, die es im Irak, in Syrien, in der Türkei, in Russland, Georgien, Armenien und in Indien gibt.

Wir verehren auch die Sonne, den Mond, das Feuer, das Wasser, die Erde und den Himmel. Die Sonne verehren wir, weil wir daran glauben, dass die Sonne die größte Sache auf der Welt ist. Sie ist für uns ein Symbol Gottes. Das Wasser verehren wir, weil es ohne Wasser kein Leben gibt. Das Feuer verehren wir, seitdem es das erste Mal geblitzt hatte und der Blitz die Steine schwärzte, die dann zu Feuersteinen wurden, mit denen man Feuer machen kann. Ein Jeside darf auch nicht auf die Erde spucken, weil wir finden, dass sie heilig ist und, dass sie dadurch entweiht wird. Jesiden beten mindestens zwei Mal am Tag. Manche von uns beten sogar sieben Mal am Tag. Wir wenden uns dann der Sonne zu, entweder dem Sonnenaufgang oder dem Sonnenuntergang. Wie andere Religionen auch, feiern wir Feste. 

 

Das größte Fest heißt Çarşema Sor oder Çarşema Sare Sale, das ist am dritten Mittwoch im April. Es ist ähnlich wie das Osterfest der Christen, aber es bedeutet etwas anderes. Wir feiern an diesem Tag das neue Jahr. Wir feiern es mit Aprilblumen und bunten Eiern.

Das zweitgrößte Fest ist Ida-Êzî im Dezember. Zuvor fasten wir drei Tage lang, von Dienstag bis Donnerstag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wir trinken und essen gar nichts. Am Freitag feiern wir dann das Fastenfest. An einem Tag in jedem Jahr – der Tag wechselt – darf kein Jeside von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang schlafen. Denn in Lalish, unserem heiligen Ort im Irak, wird Barat gemacht. Barat, das sind kleine Kügelchen aus Ton, die bei den Jesiden heilig sind. Die Tonkugeln werden mit dem Wasser der heiligen Quelle hergestellt. Jeder, der eine solche Kugel bei sich trägt, ist auf besondere Weise geschützt. Im Oktober gehen alle Jesiden, für die es möglich ist, für sieben Tage dorthin. Jesiden haben sieben Engel. Sie heißen Tawusi Melek, Ezrail, Jibrail, Mikail, Dirdail, Azrafel und Schemqael. Tawusi Melek ist der bedeutsamste von ihnen und wir glauben auch an ihn. 

 

Jesiden haben bis jetzt 74 Kriege erlebt. Ich habe mit 13 Jahren auch einen erlebt, das war schwer und unvergesslich. Egal, was wir tun, die Narben bleiben für immer und ewig in unserem Leben. Denn unsere Frauen wurden gekidnappt, geschlagen und vergewaltigt. Mit unseren Frauen wurde alles Mögliche gemacht. Die Palette der Gräueltaten, die sie erdulden mussten, reicht von Vergewaltigungen und der Degradierung als Haussklavinnen bis hin zu ihrem Verkauf. Unseren Kindern brachte die Terrormiliz die islamistische Ideologie bei. Sie sagten ihnen, dass alle Jesiden Ungläubige sind und dass sie sterben müssen, es sei denn, sie tun, was man ihnen befiehlt. Unsere Männer wurden ermordet, die älteren Menschen ebenso. Es ist schwer, aber schön, Jeside zu sein. In unserem Land – im Irak – werden wir nicht respektiert und sind nicht willkommen. Viele Völker mögen uns nicht bzw. wollen nicht, dass es uns gibt. Wir sind nicht viele, etwa eine Million Menschen, und wir sind auf der ganzen Welt ver - streut. Wir Jesiden werden – so Gott will – für immer und ewig existieren. Wir Jesiden sind nun einmal da, unsere Religion ist da, sie wird nicht weggehen, und keiner hat es bisher geschafft und keiner wird es schaffen, uns weg zu kriegen. Jesiden gibt es und wird es auch in Zukunft geben.

 

 

Autorin: Shirin Mirza Khalaf, Irak

Fotos: Shirin Mirza Khalaf, Basma Jouses

 

 

 

 

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