09/04/2019

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31.05.2019

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Meine Flucht nach Deutschland

Es hat alles angefangen, als die Flugzeuge mit den Bomben kamen und die Männer mit den Gewehren und Panzern in den Straßen kämpfen. Manche Männer sind hinterher nicht mehr aufgestanden. Das hat alles Schöne kaputt gemacht.

Meine Schwester und ich konnten nicht mehr zur Schule gehen, mein Bruder konnte nicht mehr in die Universität gehen, mein Vater konnte nicht mehr arbeiten und die Lebensmittel sind teuer geworden, niemand konnte sein Leben weiterführen. Wir mussten immer zu Hause bleiben, es war ja Wahnsinn draußen. Wir konnten das Fallen der Mörserbeschüsse spüren, die Wände unserer Wohnung haben sogar Löcher wegen der Gewehrbeschüsse. Die Fenster zitterten immer, wenn die Flugzeuge über das Haus geflogen sind. Deshalb flüchteten wir nach Deutschland, mit der Hoffnung ein friedliches Leben zu führen und eine bessere Zukunft aufzubauen. Meine Mutter, meine Schwester, meine Tanten, meine Onkel und meine Freunde zu verlassen war schwer.

 

Die Flucht über das Mittelmeer

 

Die Reise begann am 16. 10. 2015. Um 11 Uhr sind wir mit dem Flugzeug in den Irak geflogen, dann haben wir das Flugzeug gewechselt, dann sind wir in die Türkei weitergeflogen. Um 18 Uhr kamen wir in Sabiha-Gökcen-Flughafen in Istanbul an.

Zwei Tage übernachteten wir in einem Hotel in Istanbul, danach sind wir nach Izmir gefahren, um über das Mittelmeer nach Griechenland zu fahren.

Dort, an einem abgelegenen Strand der Hafenstadt Izmir, haben wir uns mit circa 50 Menschen getroffen. Während wir auf den Bootfahrer warteten, haben wir die Rettungsweste angezogen. Ich habe das Schlauchboot sofort gesehen, es reichte für maximal 30 Leute. Es war eng und voll, ich konnte nur meinen Rucksack mitnehmen und musste alles andere am Strand stehen lassen. Ich saß auf meinen Knien auf dem Boden des Bootes mit verzweifelten Frauen. Kinder weinten und immer mehr Menschen sind gekommen, ich konnte mich nicht bewegen. Ein kalter Wind hat auf dem Meer geweht, es war ziemlich kalt. Sechs Stunden lang waren wir auf dem Meer -- unter Todesangst. Das Boot bekam ein Loch und das kalte Wasser ist mehr und mehr durch das Loch geflossen.

 

In Griechenland

 

Am Sonnenaufgang sind wir endlich an einer griechischen Insel angekommen, sie heißt Agathonisi. Alles, was wir sahen, waren Rettungswesten am Strand. Leute, die früher angekommen waren, hatten ihre Rettungswesten am Strand gelassen. Wir sind so viel gelaufen, um ein Café oder eine Polizeistation zu finden oder irgendjemanden, der uns helfen kann. Dann sind wir endlich in dem einzigen Hafen angekommen, den diese Insel hat, mit der Hilfe von einem Mann, den wir nach dem Hafen gefragt haben. Danach sind wir mit einem riesigen, sicheren Boot mit hunderten Menschen nach Samos gefahren. Samos war ganz schön, wir haben dort zwei Tage in einem Hotel in der Nähe vom Meer übernachtet und dann sind wir nochmal mit dem Boot nach Athen gefahren. Als wir in Athen ankamen, sind wir sofort in einen Bus gestiegen und nach Mazedonien gefahren.

 

Die Balkanroute

 

Nach drei Stunden waren wir an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, hier mussten wir alle aussteigen und zu Fuß weitergehen, da der Busfahrer nicht weiterfahren durfte. Es war so kalt, wir mussten im Regen bis Serbien laufen. Das war die schlimmste Nacht meines Lebens. Als wir an der Grenze zwischen Mazedonien und Serbien ankamen, waren so viele Taxifahrer dort. Sie brachten die Flüchtlinge zum Bahnhof. Ein Taxifahrer hat uns gerufen, wir sind in sein Taxi gestiegen. Dann machte er die Musik so laut und fuhr wie verrückt, ich glaube, er war betrunken. Die Hauptsache ist, dass wir ohne Unfall am Bahnhof ankamen.

„Ich dachte für einen Moment, dass ich nicht mehr kann“

Am Bahnhof stellten mein Vater und mein Bruder sich in eine Schlange, um Tickets nach Belgrad zu kaufen. Ich konnte nicht mit ihnen warten, da ich erkältet war und mich sehr schwach fühlte. Ich saß auf meinem Rucksack, ich übergab mich. Ich dachte für einen Moment, dass ich nicht mehr kann, aber, wenn man einmal unterwegs ist, muss man es einfach schaffen, es gibt kein Zurück. Nach einer halben Stunde fuhr der Zug ab, er war ganz voll. Alle Sitzplätze waren besetzt, ich musste mit den Kindern auf dem Boden sitzen. Da ich seit zwei Tagen nicht geschlafen hatte, schlief ich gleich ein, als ich saß. Nach ein paar Stunden hat mein Vater mich aufgeweckt und sagte, dass die Leute denken, dass die nächste Station Belgrad ist. Ich zog die Jacke an und trug meinen Rucksack wieder, dann sind wir alle ausgestiegen. Ich kann kein Serbisch, also konnte ich nicht verstehen, was in dem Bahnhof stand. Als ich einen Mann gefragt habe, wusste ich, dass das nicht Belgrad ist, sondern Nis. Ich ging zum Informationsbüro und fragte, ob es noch Züge oder Busse gibt, die nach Belgrad fahren und der Beamte sagte, dass wir morgen nochmal fragen sollten, weil es heute leider keine mehr gäbe, deswegen mussten wir in einem Hotel übernachten und am nächsten Tag sind wir mit dem Bus nach Belgrad gefahren. Als wir in Belgrad ankamen, stieg der Busfahrer aus und redete mit einem Mann. Dann sagte er zu uns, dass wir mit dem Bus des anderen Mannes weiterfahren müssen. Wir sind umgestiegen. Der neue Busfahrer gab uns ein paar Äpfel und Wasserflaschen. Nach einigen Stunden kamen wir in Kroatien an. Da gab es Zelte, wir warteten in einem, bis der Zug nach Slowenien ankam.

 

Die letzte Etappe

 

Der Zug war so voll wie der Zug, mit dem wir nach Nis gefahren sind, aber zum Glück habe ich einen Sitzplatz gekriegt. An der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien gab es so viele Soldaten und drei Panzer. Ich weiß nicht, warum sie da waren, denken sie, dass die Flüchtlinge gefährlich sind oder was? Wir sind sechs Stunden vor den Soldaten und den Panzern stehen geblieben, bis sie uns erlaubt haben, weiterzugehen. Nach ein paar Stunden wurden wir mit Bussen nach Österreich geholt und in Österreich haben sie uns Suppe serviert, endlich mal was warmes! Die nächste und letzte Station war Deutschland. Der Weg war lang und anstrengend, aber lohnend, da ich in die Schule gehe, gute Freunde kennengelernt habe und am wichtigsten ist, dass ich in Sicherheit bin. Alles, was ich wünsche, ist, dass meine Familie wieder zusammenkommt und der Krieg in Syrien endlich vorbei ist.

 

 

Autor: Hazar Abaza, Syrien

 

 

 

Bild 1:

An der kroatisch-slowenischen Grenze werden die Flüchtlinge von Panzern empfangen.

 

Bild 2:

Nach der gefährlichen Überfahrt ist Hazar auf Samos angekommen. Der Blick zurück aufs Meer.

 

Bild 3:

Auf einer Wiese in Slowenien müssen die Flüchtlinge ausharren.

 

 

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