09/04/2019

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31.05.2019

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Warten, essen, schlafen - Die Bürokratie und mein schwieriger Anfang in Deutschland

 

Warten, essen und schlafen …

 

Diese Wörter sind die ersten Wörter, die ich in Deutschland gehört habe, nachdem ich immer gefragt hatte, was ich machen kann. Als ich neu in Deutschland war, musste ich in der Erstaufnahme bleiben und auf einen Bescheid vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) warten, ohne den ich nicht in Deutschland hätte bleiben dürfen. Aber in dieser Zeit darf man nichts machen ­– außer essen,  schlafen und warten. Es war sehr schwierig für mich, immer in der Unterkunft zu bleiben.

 

München, Ostbahnhof, 3 Uhr morgens

 

Zuerst  bin ich in München angekommen. Der Mann, der meinen Bruder und mich mit dem Auto aus Linz abgeholt und nach München gebracht hat, hat von uns vier Leuten 4000 € genommen. Er hat uns am Münchner Ostbahnhof abgesetzt und alleine gelassen. – Was jetzt?

 

Wir mussten zur Polizei gehen und uns anmelden. Das war am Samstag, den 31. Januar 2015 um 3 Uhr morgens. Der Bahnhof war voll von Menschen, die vorher in der Disco waren. Ich habe einen Mann gesehen, der wie ein Polizist aussah. Ich habe ihm die zwei Sätze gesagt, die ich in der Zeit auf der Flucht gelernt hatte: „Ich bin neu hier“ und „Ich komme aus Syrien“. Er lachte und sagte: „…kein Problem…“ Er dachte, dass wir betrunken seien und wir mit ihm Spaß machen. Dann habe ich ihm meinen Pass gezeigt und auf Englisch gesagt: „Ich bin gerade angekommen.“ Nachdem er zwei Minuten überlegt hatte, sagte er uns: „Okay – ich bin kein Polizist, dort könnt ihr die Polizei finden.“

 

Wir waren den ganzen Tag bei der Polizei mit unserer Anmeldung beschäftigt. Doch meine Aussichten waren nicht gut: Sie haben mich nach Deggendorf geschickt. Ich hatte keine Ahnung von dieser Stadt und wo wir wohnen würden. Was wichtig für mich war, war schnell Deutsch zu lernen, um bald weiter studieren zu können.

 

Winter im Bayerischen Wald

 

Am gleichen Tag sind wir in Deggendorf angekommen, das war eine andere Erstaufnahme. Wir mussten dort alles noch einmal machen, den medizinischen Check, alles, und dann wollten sie uns in ein anderes Heim schicken, nicht weit weg von Deggendorf… aber wo?? Wir wussten es nicht.

Es war Winter – alles war weiß von Schnee und kalt … Nach einer Stunde Fahrt sagten sie: „Wir sind da.“

Ich habe den Namen „Freyung“ gehört, ein kleines Dorf im Bayerischen Wald. Das war nicht ganz richtig, denn das Heim war außerhalb des Dorfs, in einem Haus in den Bergen mit 200 Flüchtlingen, niemand kam dort aus Deutschland. Ich dachte, dass wir nicht mehr in Deutschland seien! Zehn Leute kamen aus Syrien und 190 aus den Balkanländern (Albanien, Kosovo, Mazedonien …).

 

Okay … In den nächsten Tagen wollte ich fragen, was ich machen könnte. Wie kann ich Deutsch lernen? Aber wen sollte ich fragen? Die Sicherheitsleute kamen nicht aus Deutschland und konnten auch nicht Englisch sprechen. Ich habe es versucht, aber niemand hat mich verstanden. Die 190 anderen Leute sprachen auch kein Englisch und kein Deutsch …

Ich habe mich gefragt: Wo bin ich? Nach einer Woche und nach vielen Fragen habe ich jemanden gefunden, der Englisch sprach. Sie war die Chefin und sie kam zweimal pro Woche vormittags und um zu kontrollieren.

 

Ich habe ihr viele Fragen gestellt:

Wie kann ich Deutsch lernen? ­– Antwort: Ich weiß es nicht.

Was kann ich machen? – Antwort: Essen, schlafen.

Wie lange sollen wir hier bleiben? – Antwort: Keine Ahnung.

Wie kann man in die Schule oder in die Stadt gehen? – Antwort: Nicht möglich.

 

In die Stadt zu gehen war nicht möglich, weil alles weit weg war und es keinen Bus und keinen Zug gab. Ich musste 45 Minuten nach Freyung laufen. Aber was ist Freyung eigentlich …? Es gibt dort keine Sprachschule und es ist so klein, mit wenigen, meist alten Leuten, die kein Englisch können. Jemand hat mir gesagt, dass sie auch nicht Deutsch sprechen, sondern nur Bayerisch … deshalb hatte ich keine Chance dort Deutsch zu lernen.

Aber wirklich, was kann man dort machen? Manche Leute waren dort seit zwei oder drei Monaten, manche seit sechs Monaten und sie wussten nicht, wie lange sie bleiben müssen.

Nach zwei Monaten habe ich verstanden, dass das BAMF die Flüchtlinge unterschiedlich einteilt. Die Leute, die aus Syrien kommen, sind ein Teil und die ganzen anderen Leute sind der zweite Teil. Ich bin kein Syrer, sondern Palästinenser, aber ich bin in Syrien geboren und ich habe immer in Syrien gelebt. Aber in Deutschland bin ich wegen der politischen Probleme staatenlos … Ja, ich komme vom Mars, aber es ist mir egal. In meinem Herzen gibt es immer meine Heimat, und die ist Syrien und Palästina.

Und wir sind in Freyung, weil wir staatenlos sind.

 

Wieder in München

Nach zwei Monaten wurden wir dann wieder nach München geschickt, zur selben Erstaufnahme. Aber die Leute dort hatten davon keine Ahnung, dass wir schon einmal hier waren. Sie fragten: „Wer hat euch nach München geschickt? Ihr müsst euch noch einmal anmelden…“

Alles von vorne … Medizinischer Check und Interview und sie haben meinen Ausweis genommen. Warum? Alle sagen: „Keine Ahnung.“

Ich habe dem Arzt gesagt, dass ich schon alles gemacht habe. Ich sollte nicht zweimal eine Röntgenaufnahme  meiner  Lunge  machen, das ist gefährlich und ich wollte das nicht machen.

Aber das war nicht alles, ich brauchte Hilfe für meine Papiere. Ich bin zu Amnesty International gegangen und sie haben für mich einen Brief ans BAMF geschrieben, dass wir jetzt nicht alles noch einmal von vorne machen sollten. Sie dachten am Anfang, wir hätten unserer Unterlagen verloren und jetzt muss ich schon wieder woanders hinziehen … Nein, bitte  lasst mich in München bleiben!

In diesen zehn Tagen habe ich ein paar Freunde kennen gelernt, die uns dabei geholfen haben, dass ich in München bleiben konnte. Trotzdem musste alle zwei Monate umziehen. Ich weiß nicht warum!

Endlich bin ich in München … und ich habe mich gefragt, ob ich jetzt eine Chance bekommen werde.

 

Endlich etwas zu tun

 

Ich habe wieder gefragt, was ich machen könnte. Aber jetzt nicht die Vertreter der Regierung, sondern die Organisationen, die zu uns kamen, um uns helfen, wie die Diakonie, Amnesty International und das Sozialamt.

Die Antwort war anders. Die junge Frau, die die Chefin der Kleiderkammer in der Münchner Bayernkaserne war, sagte mir mit einem Lächeln: „Ja, natürlich. Komme zu uns am Samstag und wir schauen, was du machen könntest.“

Damals konnte ich kein Deutsch und sagte: „Wie bitte? Was hast du gesagt?“ auf Englisch. Sie lächelte nochmal und hat mir auf Englisch erklärt, was sie gesagt hatte. Ich war zufrieden und habe mir gesagt: Jetzt fange ich an, etwas zu tun!

 

Endlich kam der Samstag und ich war jetzt bereit, denn ich habe sehr viel geübt und ich wollte das Deutsch benutzen, was ich alleine in den zwei Monaten in Freyung gelernt hatte. Ich bin natürlich pünktlich gekommen und habe mich dem Mann, der an der Türe stand, vorgestellt. Ich habe nur gesagt: „Ich heiße Adnan und  komme zum Helfen“. Er hat mir geantwortet, aber eigentlich verstand ich nicht, was er sagte. Dann habe ich schnell wieder auf Englisch gesprochen und nach der Chefin gefragt. Sie kam und sagte mit dem gleichen netten Lächeln „Hallo“ und dann hat sie mir gesagt, was ich machen soll.

Der erste Tag in der Kleiderkammer war unglaublich. Ich habe von den Leuten gar nichts gehört von dem, was ich alleine gelernt hatte. Ich habe versucht, ein Wort zu verstehen. Ich wusste nur „Wie heißt du?“, sonst nichts. Eigentlich war auch das schwierig, weil ich gelernt hatte „Wie heißen Sie?“ Aber obwohl ich nichts verstand, war ich ganz zufrieden. Am Ende sagte die Chefin, dass ich immer kommen kann.

Damals hatte ich kein Geld zu geben, aber ich hatte Zeit und Kraft. Ich erinnere mich immer gerne an die netten Leute, die ich dort kennengelernt habe und wie sie versuchten, langsamer und einfacher zu sprechen, damit ich sie verstehen konnte.

Ich lernte jeden Tag nicht nur neue Wörter, sondern auch die deutsche Kultur kennen und wie das Leben in Deutschland ist. Das hat mir sehr geholfen, aber man braucht immer eine Schule und Lehrer, um eine ganz neue und schwierige Sprache zu lernen. Deshalb habe ich versucht, noch etwas anderes zu finden.

Leider war es schwierig, einen Platz in einem Deutschkurs zu bekommen, aber ich habe niemals aufgegeben. Ich hatte zu viele Ideen. Ich habe immer noch aus dem Internet gelernt, aber es war meistens schwierig, weil ich keinen Computer hatte und ohne WLAN das Anschauen von Filmen auch zu viel kostet.

Ich habe jeden Monat ein bisschen Geld gespart, damit ich davon ein Lehrbuch kaufen konnte. Als ich es endlich geschafft hatte, war es aber keine große Hilfe, weil ich nicht wusste, ob ich richtig lerne. Ich musste noch Geld sparen, um das Lösungsbuch kaufen zu können.

Dann hörte ich, dass es einige Bibliotheken gibt, in denen man in Ruhe lernen kann und auch Bücher ausleihen kann. Dort, wo ich gewohnt habe, war es immer schwierig zu lernen, nämlich mit sechs oder sieben Leuten in einem Zimmer oder später mit 66 Leuten in einer Turnhalle, die zu einer Schule gehörte.

Gott sei Dank war es Sommer, so bin ich immer mit meinen Büchern in den Englischen Garten oder an die Isar gegangen. Dort konnte ich lernen und mich ein bisschen entspannen.

Ich habe so viele Sachen gemacht: Ich habe in dieser Zeit bei zwei Büchern mitgearbeitet, Büchern, die Leuten helfen, die Deutsch lernen wollen. Und das habe ich zusammen mit netten Leuten gemacht, die uns helfen wollten. Ich habe auch viele Interviews gegeben und viele Artikel geschrieben. Ich wollte nur, dass unsere Stimmen gehört werden und dass mein Anliegen deutlich wird.

Viele Leute haben Angst vor uns, weil sie nicht viel über uns wissen. Sie sehen nur, was in den Nachrichten gebracht wird und in den Nachrichten gibt es immer etwas, was schlecht ist. Die Menschen in Syrien sind genauso wie überall in der ganzen Welt. In Syrien gibt es auch Leute, die keine guten Menschen sind, aber das sind wenige, ganz wenige … Da bin ich mir sicher und ich hoffe, dass wir uns schnell kennenlernen.

 

Der Asylbescheid kommt!

 

Am 21. Oktober 2015 half ich in der Kleiderkammer in der Bayernkaserne und war gerade auf dem Weg nach Hause, als mich mein Bruder anrief und sagte: „Hi … du, bringe Bier für alle in der Turnhalle mit …“ Ich habe gefragt, warum? Er antwortete laut: „Wir haben unseren Bescheid bekommen!“

Diesen Tag vergesse ich niemals! Wir haben den ganzen Tag gefeiert und am nächsten Tag haben wir eine Radtour an den Ammersee gemacht.

Ich musste aber bald wieder zur Regierung gehen und sehr viele Papiere erledigen. Die wichtigste Sache war, einen neuen Ausweis zu bekommen, mit dem ich arbeiten konnte und zur Schule gehen konnte. Aber sie sagten gleich: „Komm in fünf Wochen wieder.“ – Oh, Mann!

Ich musste also noch warten, aber auch nach einer Wohnung und einer Arbeit suchen … Ich kannte jetzt bereits sehr viele Leute und das hat mir sehr geholfen. Nach einem Monat hatte ich ein Zimmer in einer WG und auch eine Ein-Zimmer-Wohnung gefunden. Ich habe mich für das WG-Zimmer entschieden, weil es in einer Wohnung mit deutschen Leuten war und ich wollte mit ihnen reden und die deutsche Kultur weiter kennenlernen.

Acht Monate lang habe ich gekämpft, um einen Platz in einer Sprachschule zu bekommen. Im Oktober konnte ich endlich mit einem Deutschkurs anfangen und auch mit einer Arbeit.

Meine Arbeit ist sehr gut, weil mein Chef ein toller Mensch ist. Es ist sehr schwierig, eine Arbeit ohne Sprachkenntnisse zu finden, aber ihm war es egal. Er sagte, dass ich es bald lernen würde und er gab mir Arbeit. Ich arbeite in einem medizinischen Labor, also in dem Fach, das ich einmal weiter studieren möchte und es wird mir helfen, einen Platz an der Uni zu bekommen.

 

Meine Ziele

 

Jetzt nach sieben Monaten Lernen, Arbeiten und sehr viel Stress denke ich, dass ich sehr viel geschafft habe. Ich kann jetzt auf Deutsch schreiben und ich kann auch arbeiten, damit ich keine Hilfe mehr von der Stadt brauche. Aber es gibt noch viel zu viel zu tun!

Ich will noch mehr machen, bis ich Deutsch wie ein Deutscher sprechen kann und bis ich mein Studium weiter machen kann. Das Leben in Deutschland ist nicht einfach und ich hätte das nicht schaffen können ohne die ganzen tollen Leute, die ich hier getroffen habe. Ich bedanke mich bei euch für alles.

Ich möchte mich in eure Gesellschaft integrieren und mich an das Grundgesetz halten. Ich möchte einfach liebevoll mit euch zusammenleben, dass wir einander verstehen, weil wir zusammen stärker sind.

Obwohl das alles passiert ist, obwohl wir Hunderte von Menschen verloren haben, obwohl Millionen auf der Flucht sind, werden wir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft niemals aufgeben.

 

 

Adnan Albash

 

(Illustration: Antje KrügerFoto: Maria Schön)

 

 

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